Hektik und Stress sind hier Fremdwörter

Erfahrungsbericht über einen fünfmonatigen Aufenthalt
an der University of Newcastle Juli 2002

A. Koschate


Nach monatelangen Vorbereitungen und einem Flug rund um die Erde war ich endlich im Land meiner Träume angekommen! Für die folgenden fünf Monate bin ich als Studentin an der University of Newcastle (NSW) eingeschrieben gewesen. Eine extra für "international students" organisierte Orientierungswoche, die neben Informationsveranstaltungen rund um das Studieren an der Universität auch viele Freizeitaktivitäten zum Kennenlernen anderer Studenten beinhaltete, machte einem den Start um vieles leichter. Und auch nach dieser Einführung fand man bei jedem Problem immer freundliche Hilfe im sogenannten "Student Services Centre".

Trotz aller Unterstützung gab es einiges, an das ich mich erst gewöhnen musste: Zwar studiere ich Englisch an meiner Heimatuniversität in Trier (sowie Geschichte und Ethnologie), aber es ist doch etwas anderes, einer Fremdsprache den ganzen Tag lang "ausgesetzt" zu sein. In den ersten Semesterwochen kam ich deshalb oft müde nach Hause. Auch das Kurssystem war ein völlig anderes: Bei meinen Fächern bestand ein Kurs immer aus einer Kombination von einer ein- oder zweistündigen Vorlesung und einem Tutorium. In den Vorlesungen wurde das nötige Wissen zu einem bestimmten Thema vermittelt. Dabei handelte es sich jedoch nicht um einen reinen Monolog des Dozenten: Zwischenfragen waren ausdrücklich erwünscht.

Die Tutorien bestanden aus dem Referat eines Studenten zu dem entsprechenden Thema der Vorlesung und anschließender Diskussion. Die Atmosphäre war angenehm ungezwungen, das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden persönlicher als an deutschen Universitäten. Grund hierfür ist vielleicht auch die Tatsache, dass es im Englischen das formelle "Sie" nicht gibt; trotzdem konnte ich mich nicht damit anfreunden, meine Dozenten mit ihrem Vornamen ansprechen zu dürfen.

In jedem Kurs wurden ein "minor essay" und ein "major essay" geschrieben, die zu bestimmten Daten innerhalb des Semesters abgegeben werden mussten. Ich hatte drei Kurse belegt, weshalb ich fast immer mit dem Verfassen von Arbeiten beschäftigt war. Jedoch geben die Dozenten einige Fragen und sogar eine Literaturliste als Einstieg in das Thema zur Auswahl; ein mir bis dahin unbekannter "Service". Am Ende des Semesters mussten viele dann noch einmal bei Klausuren schwitzen, bevor alle in die Ferien entlassen wurden.

Abschließend kann ich sagen, dass mich die Kurse mit ihren australienbezogenen Themen besonders gefordert haben. Andererseits haben sie mein Wissen über diesen faszinierenden Kontinent innerhalb eines halben Jahres um ein Vielfaches erweitert. Aber auch das fesselndste Buch und die interessanteste Vorlesung können Down Under, das Land der Extreme, nur zu einem begrenzten Grad wiedergeben. Meine Freizeit habe ich deshalb für zahlreiche Ausflüge und zwei größere "Entdeckungsreisen" genutzt.

Für Euch öffne ich die Seiten meines "Logbuches" und lasse Euch an meinem letzten Trip vor meinem Heimflug in das winterliche Deutschland teilhaben: Nach meiner letzten Klausur an der Universität habe ich mich unter die "echten" Rucksack-Touristen (genannt: backpackers) gemischt, um in zehn Tagen so viel wie möglich von der berühmten Ostküste zu sehen. Da wenige Zentimeter auf der Landkarte in Wirklichkeit viele hundert Kilometer sind, bestand der erste Tag ausschließlich darin, mit Flugzeug und Bus Hervey Bay zu erreichen. Von dort aus bin ich mit einer Gruppe von insgesamt neun Personen aus fünf verschiedenen Ländern für drei Tage nach Fraser Island aufgebrochen.

Mit allem Lebenswichtigen ausgestattet, haben wir das Camping-Abenteuer auf dieser traumhaft schönen Sandinsel gemeistert. Urteil: zur Nachahmung dringendst empfohlen! Jedoch habe ich mit mehr oder weniger Erfolg versucht, mich und mein Hab und Gut nach der Rückkehr in die Zivilisation von dem all dem Sand zu befreien, damit ich am nächsten Morgen "reibungslos" den Bus Richtung Süden besteigen konnte. Vier Stunden später hatte ich Brisbane erreicht. Da ich nur einen Tag Aufenthalt hatte, machte ich eine Ausnahme und ließ mir die Stadt von einem CitySightTour-Bus aus vorstellen, anstatt die Sehenswürdigkeiten zu Fuß zu entdecken. Mir wird Brisbane als eine große Kleinstadt in Erinnerung bleiben, die dasselbe zu bieten hat wie Sydney und Melbourne; nur Hektik und Stress sind hier Fremdwörter.

Die folgenden Tage hatte ich mit "Oz-Experience" gebucht, einem Reiseunternehmen, das vornehmlich junge Leute per Bus von Ort zu Ort fährt. Viele Touristenattraktionen werden direkt angefahren, so dass man keine Extra-Ausflüge organisieren muss. Die Busfahrer sind gleichzeitig Reiseführer und buchen sogar die Unterkünfte, die auf der Reiseroute liegen. Man befindet sich also in guten Händen und hat den Kopf frei, um sich die Namen von all den Leuten zu merken, mit denen man im Bus sitzt! Die erste Übernachtung hatten wir in Nimbin, einem Örtchen, das ich mit den Worten alternatives Hippie-Lifestyle Lilliput-Amsterdam beschreiben würde. In einer Stunde hat man das meiste gesehen -- vorausgesetzt man lässt sich viel Zeit im Museum (!). Nach einem leckeren Dinner in einer alten Butter-Fabrik haben wir den Tag mit Marshmallows über Feuer, umnebelt von "interessanten" Zigarettengerüchen ausklingen lassen, um danach in unsere Betten in einem ausrangierten Zugwaggon zu krabbeln.

Weil jeder für diesen Urlaubsort an der Küste schwärmt, hatte ich zwei Tage in Byron Bay eingeplant. Abhängig von Sonnenstand (Hitze!!) und eigener Laune kann man sich entweder am Strand braun braten lassen oder sportlich aktiv sein. Ich habe die Gegend per Mountainbike erkundet und den "Walking Track" bis zum Leuchtturm -- dem östlichsten Punkt Australiens -- abgelaufen. Das beste Erlebnis war jedoch mein Schnorchel-Ausflug: Eingekleidet mit Neoprenanzug, Tauchmaske, Schnorchel und Schwimmflossen sind wir mit einem Boot über die Wellen zu einem kleinen Riff nahe der Küste gesprungen, um dort die Unterwasserwelt zu erkunden. Ausgerüstet mit einer wasserfesten Kamera konnte ich 1 1/2 Stunden lang Riesenschildkröten, Riesenrochen und regenbogenfarbene Fische ins Objektiv nehmen. Atemberaubend -- auch mit Schnorchel!

Weiter ging's nach Bellingen, einem ruhigen Städtchen mit einer "ich fühl mich wie zu Hause" Jugendherberge. Die Energie, die wir dort sammeln konnten, brauchten wir einen Tag später auf einer Schaffarm in Nundle. Nach einem kurzen Vortrag des Rangers über den Arbeitsalltag auf einer Farm, durften wir selbst Hand anlegen: eine Schafherde zusammentreiben und sogar ein Schaf scheren, wenn einem ein paar Huftritte nichts ausmachen. Mit knurrenden Mägen zog es uns zurück in unser Quartier, wo bereits das Essen in einem Riesentopf über einem offenem Feuerofen auf uns wartete. Jemand fand eine Kiste mit alten Klamotten und aus den Schafhütern wurden bunte Partygestalten...

Egal wie müde, der Geruch von heißen Pfannkuchen lockte jeden am nächsten Morgen aus den wackeligen Holzbetten. Leider war das auch mein letztes Frühstück mit dieser tollen Truppe, denn ich bin in meinem Wohnort Newcastle von Bord gegangen, während die anderen weiter nach Sydney gefahren sind. Jetzt sitze ich hier an meinem Schreibtisch -- in einem so genannten "townhouse" auf dem Universitätsgelände, in dem ich Küche, Wohnzimmer und Bad mit fünf anderen nationalen und internationalen Studenten teile -- und versuche, meine Erlebnisse zu Papier zu bringen, bevor ich morgen all meine Sachen und Erinnerungen in einen großen Koffer quetschen muss.

Am 01. Dezember wartet mein Flugzeug gen Heimat auf mich, den ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge besteigen werde... Wenn Ihr diesen Artikel lest, befinde ich mich also wieder im winterlichen Deutschland -- vermutlich auf dem niedlichen Trierer Weihnachtsmarkt mit einem heißen Becher Glühwein in meinen Handschuh-Fingern. Trotzdem mir noch die richtige Weihnachtsstimmung fehlt, wünsche ich allen Lesern: "Merry Christmas and a Happy New Year"!!