Gesche Hübner hat im Jahr 2005 ein Semester Psychologie an der University of Queensland in Brisbane studiert

Einfach traumhaft!

von Gesche Hübner (Gesche_Huebner@web.de)

Australien — da kommen einem Koalas, Kängurus, Uluru oder auch das Opernhaus und die Harbour Bridge in Sydney in den Sinn. Ein komplexes Bild von australischer Kultur, Politik und dem alltäglichen Leben entsteht aber kaum. Der fünfte Kontinent scheint in jeder Hinsicht einfach sehr weit weg zu sein und taucht in der deutschen Öffentlichkeit nur selten auf. Eben diese Entfernung machte mich schon lange neugierig auf das Leben in "Down Under". Hinzu kam mein Interesse an der Kultur und gegenwärtigen Lage der Ureinwohner.

Ein Auslandssemester erschien mir als ideale Möglichkeit, Land und Leute kennen zu lernen. Ich bewarb mich über meine Heimatuniversität Gießen für das Hessen-Queensland-Programm. Glücklicherweise wurde ich aufgenommen und musste so keine Studiengebühren bezahlen. Im Februar 2005 verabschiedete ich mich von Deutschland und flog nach Brisbane, um dort an der University of Queensland (UQ) für ein Semester Psychologie zu studieren.

Um es vorwegzunehmen: Meine Zeit in Australien war eine einzigartige Erfahrung und ich habe unglaublich viel gesehen und erlebt in diesem Land, das von Europa so weit entfernt ist. Es ist nicht nur ein eigenes Land, sondern eine eigene Welt: Wenn man dort ist, wirkt alles andere unendlich fern. Um es mit den Worten von D. H. Lawrence zu sagen: "Australien ist wie eine offene Tür; hinter der tiefes Blau liegt. Man lässt die Welt hinter sich und betritt Australien."

Im Vorfeld

Im Herbst 2004 erhielt ich von der UQ Unterlagen über die P.ichtkrankenversicherung für internationale Studenten (Overseas Student Health Cover; kurz: OSHC), deren Abschluss Voraussetzung für den Erhalt des Visums ist. Die UQ arbeitet mit "OSHC Worldcare" zusammen, einem Anbieter dieser Pflichtkrankenversicherung. Nach Bezahlung des Beitrags (etwa AUD 160,-) bekam ich erneut Post von der UQ – diesmal mit dem Certificate of Enrollment, meiner student number und dem Passwort für das Intranet der Universität.

Ich bewarb mich etwa sechs Wochen vor Abreise elektronisch mit einer unkomplizierten Prozedur für mein Visum und erhielt binnen 24 Stunden die Mitteilung, dass es mir gewährt worden sei. Eine Eintragung in den Pass erfolgt dabei nicht mehr. Wer plant in Australien zu arbeiten, muss jedoch vor Ort beim lokalen DIMIA Office (in Brisbane: 313 Adelaide Street) ein neues Visum beantragen (Kosten etwa AUD 50,-).

Die University of Queensland bietet ausländischen Studenten die kostenlose Abholung vom Flughafen an. Gleichzeitig lässt sich über die UQ auch eine Unterkunft für die ersten Tage buchen.

Die ersten Tage in Brisbane

Nach einem überaus angenehmen Flug mit Qantas und einem spannenden Stopover in Singapur landete ich am frühen Morgen des 11. Februars in Brisbane, der Hauptstadt des Sunshine State Queensland. Selbstverständlich schien die Sonne, wie an ungefähr 145 der 152 Tage, die ich dort verbringen sollte… Die Abholung klappte reibungslos, und mit meiner gewählten Unterkunft war ich sehr zufrieden! Ich hatte für fünf Tage ein Zimmer im Emmanuel College gemietet, einem Wohnheim direkt auf dem Campus. Dort lassen sich leicht Kontakte mit anderen Studierendenknüpfen, Vollverpflegung ist im Preis mit eingeschlossen, und durch die Lage hat man guten Zugang zum Accomodation O.ce, das bei der Wohnungssuche behil.ich ist. Es bietet eine große Datenbank mit den verfügbaren freien Zimmern und Häusern, führt Informationsveranstaltungen zum Mietrecht durch und bietet einen Fahrservice an.

Der Wohnungsmarkt in Brisbane ist recht entspannt und wer nicht unbedingt in den letzten Tagen vor Unibeginn (ich war zwei Wochen früher da) sucht, findet schnell eine Unterkunft. Für Studierende des St. Lucia Campus sind die Stadtteile St. Lucia (direkt an der Uni), Toowong und West End (gute Lage zur Stadt und ein in sich spannender Stadtteil) am besten zum Wohnen. Die Miete wird bei WGZimmern meist einschließlich aller Nebenkosten angegeben (Preise liegen zwischen AUD 90,- und 140,- pro Woche). Wer ein ganzes Haus mietet — völlig unkompliziert und sehr typisch — zahlt Strom und Gas direkt an den Energieversorger und nur die Kaltmiete (einschließlich Wasser) an den Vermieter. Die meisten angebotenen Zimmer sind ff (fully furnished). Makler haben auch viele Angebote für Studenten; eine Liste der lokalen Büros erhält man im Internet oder im Accomodation Office.

Mein Ziel war es eigentlich, in eine WG mit Australiern zu ziehen, um möglichst viel von der Kultur und Sprache mitzunehmen. Da ich nichts passendes fand, mietete ich stattdessen mit einem Italiener und einem Deutschen ein herrliches Haus im Stadtteil West End mit Garten und Blick auf die Skyline des Central Business District für AUD 100,-/Woche, plus etwa AUD 5,-/Woche Nebenkosten. Besser hätte ich es nicht treffen können!!!

Die Universität

Für alle internationalen Studenten wird eine einwöchige Einführungswoche angeboten. Informationsveranstaltungen zu Themen wie Versicherung, Arbeiten, Leben in Brisbane und allgemeine Sicherheit stehen dabei auf dem Programm. Ebenso informieren dabei die einzelnen Fakultäten, genauso wie die library und UQ Sports, über ihre Angebote und Einrichtungen.

Am sogenannten Market Day stellen sich alle Clubs und Societies der Universität vor und werben Neumitglieder. Die Auswahl an Organisationen ist riesig — sogar Schokoladenliebhaber und Freunde des Mittelalters haben ihren eigenen Club! Ich kann Von Deutsch empfehlen, eine neugegründete Organisation, die Kontakte zwischen deutschsprachigen Studenten und an Deutschland interessierten australischen Studenten herstellen möchte — was ihr auch gelingt! Während es im normalen Unileben schwierig sein kann, in engeren Kontakt mit Australiern zu kommen, bietet Von Deutsch das ideale Umfeld dafür.

Der weitläufige Campus der UQ ist einfach herrlich und verbreitet fast schon Urlaubsflair — es gibt viele Grün.ächen mit subtropischen Pflanzen, zahlreiche Essensmöglichkeiten und Cafés, kleine Läden für Postkarten, Bücher, CDs, Fahrräder, ein Schwimmbad und ein Fitnessstudio, ein Reisebüro und eine Apotheke. Dazu kommt, dass die vorherrschende Kleidung fast das ganze Jahr aus kurzen Röcken bzw. Boardshorts sowie thongs (Flip-flops) besteht.

Die Ausstattung der Bibliothek ist hervorragend; Fachbücher sind in hoher Stückzahl und in neuer Auflage vorhanden und die Auswahl ist groß. Ich habe mir im Endeffekt nur ein Buch gekauft und die anderen quasi ständig ausgeliehen. Mit seiner student number und dem Passwort kann man Bücher online bestellen und verlängern, und hat zudem von jedem Computer aus Zugriff auf umfassende Datenbanken. Übrigens gibt es auch sämtliche Lonely Planets und andere Reiseführer sowie viele Romane zum Ausleihen. Computerarbeitsplätze sind reichlich vorhanden und es gibt ein weitreichendes drahtloses Netzwerk fürs Internet. Von der Bibliothek werden auch Kurse zu Themen wie Zitieren, Literaturrecherche und Umgang mit Computerprogrammen angeboten. Die einzelnen Fachbereiche verfügen ebenfalls über Computerräume, zu denen aber nur Zugang hat, wer dort studiert.

Generell ist die Betreuung durch die Universität hervorragend. Bei Fragen jeglicher Art sollte man am besten kurz auf die Homepage der UQ schauen — es lassen sich bestimmt Informationen und der Name eines Ansprechpartners finden.

Kurse

Ich hatte mich bereits von Deutschland aus online für meine Kurse angemeldet. Wer unsicher bezüglich seiner Kurswahl ist, geht am besten in der Einführungswoche zum study advisor seines Fachbereichs. In der Regel belegt man vier Kurse mit etwa 16 Semesterwochenstunden, was sich nach nicht so viel anhören mag — das Arbeitspensum daheim kann aber gewaltig sein! Die meisten Kurse bestehen aus zwei orlesungsstunden und zwei Stunden tutorial oder practical. Während die Vorlesungen in großen Hörsälen abgehalten werden, finden die Übungsstunden in kleineren Gruppen statt und werden oft von Doktoranden durchgeführt. Die akademische Viertelstunde ist unbekannt; Veranstaltungen starten um "Punkt" und dauern in der Regel 110 Minuten. Die meisten Professoren lassen sich mit dem Vornamen anreden, so dass die Atmosphäre recht locker ist.

Ich hatte ursprünglich mit vier Kursen angefangen – Psychopathology, Psychotherapy and Counselling, Neuroscience for Psychologists und Industrial and Organizational Psychology. Da die Vorlesungen der letzten beiden Kurse zeitgleich lagen und dann auch noch die Klausur auf denselben Vormittag gelegt wurde, ließ ich den vierten Kurs letztlich sein.

Ich arbeitete außerdem als eine Art "Hiwi" bei Guy Wallis, Research Fellow an der School of Human Movement Studies.

Im Nachherein wünschte ich, ich hätte von Anfang an nur drei Psychologiekurse belegt (mehr können mir für Deutschland sowieso nicht angerechnet werden) und dazu noch einen landeskundlichen Kurs oder Marine Biology. Letzterer ist bei Austauschstudenten sehr beliebt, vor allem wegen seiner zwei Fahrten zum Great Barrier Reef.

In Psychopathology wurden die gängigen psychischen Krankheiten vorgestellt. Das Assessment bestand aus einer Abschlussklausur und einem arbeitsintensiven report mit 3000 Wörtern in der Mitte des Semesters, bei dem ein klinischer Fall diagnostiziert werden musste. In Psychotherapies and Counselling, in dem verschiedene Psychotherapien und das Geschehen rund um Therapie behandelt wurden, war das Assessment ähnlich. Es musste ebenfalls ein klinischer Fall analysiert werden, diesmal mit Schwerpunkt auf Behandlung. Am Ende wurde eine Klausur geschrieben mit einer Gewichtung von 60%. Neuroscience for Psychologists beschäftigte sich mit Funktionsweise und Aufgaben des zentralen Nervensystems. Hier gestaltete sich die Leitungserfassung etwas vielfältiger; zwei kürzere reports über selbst durchgeführte Experimente mussten geschrieben, ein Arbeitshandbuch über die Tutorien geführt und eine kurze Präsentation gehalten werden. Am Ende wurde wieder eine Klausur geschrieben, die 55% zählte.

Die Stadt

Brisbane ist zum Leben einfach herrlich! Hektik und Stress scheinen Fremdwörter zu sein, die Atmosphäre ist sehr entspannt, wozu die überaus freundlichen Menschen und natürlich der ewige Sonnenschein beitragen. Viele Parks und die Ufer des Brisbane Rivers laden zum Verweilen ein — und zu der australischen Leidenschaft Grillen, da kostenlose BBQ Möglichkeiten zahlreich vorhanden sind.

Einen guten Eindruck von der Stadt bekommt, wer mit der CityCat, dem schnellen Katamaran, einmal die gesamte Strecke von der Universität bis Bretts Wharf abfährt. Fortitude Valley ist gerade nachts ein spannender Stadtteil, dort befinden sich die meisten Clubs und Bars. West End mit seinen vielen günstigen Restaurants, gemütlichen Cafés und kleinen Boutiquen ist für mich einer der schönsten Gegenden Brisbanes, genau wie Southbank. Wie weit sich die Stadt mit ihren 1,5 Millionen Einwohner ausdehnt, sieht man vom Mount Cootha. Veranstaltungsmäßig ist viel los; über Festivals, Konzerte, Filme etc. informiert die kostenlose Broschüre What΄s on? und die wöchentlich erscheinende Zeitung City.

Coles und Woolworths sind die häufigsten Supermärkte. Obst und Gemüse kann man allerdings sehr viel günstiger bei Kleinhändlern oder auf den Märkten am Wochenende kaufen.

Wen es in die Natur zieht, der sollte für AUD 25,- Mitglied des Brisbane Bushwalkers Club werden, der jedes Wochenende zahlreiche Wandertouren rund um Brisbane organisiert, etwa in den Lamington National Park oder die Great Dividing Range. Jeder Teilnehmer zahlt einen Beitrag zum Sprit, weitere Kosten fallen nicht an.

Gold Coast und Sunshine Coast bieten ebenfalls lohnende Ausflugsziele, vor allem jede Menge Strand. Von Brisbane aus lässt sich die tolle Insel North Stradbroke, liebevoll Straddie genannt, gut erkunden.

Finanzielles

Es emp.ehlt sich, vor Abreise ein für Studierende kostenloses Konto bei der Deutschen Bank zu eröffnen. Diese kooperiert mit der australischen WestPac, so dass man sich gebührenfrei Geld aus dem Automaten ziehen kann. Eine Kreditkarte ist nötig, um im Internet Flüge u.ä. zu buchen. Die Lebenshaltungskosten sind in Brisbane etwas geringer als in Deutschland. Meine festen Kosten waren etwa:

Dazu kommen dann noch Ausgaben für Kleidung, Weggehen etc. und natürlich fürs Verreisen.

Das Ende

Mein Semester in Australien ist viel zu schnell zu Ende gegangen. Nachdem die letzten Klausuren geschrieben waren, reiste ich noch sechs Wochen: Sydney, das Outback mit Uluru und Kata Tjuta, die Ostküste von Cairns bis nach Brisbane und eine Woche Neuseeland standen auf dem Programm. Die Eindrücke auch nur annähernd wiederzugeben, würde hier den Rahmen sprengen — es war einfach traumhaft und der krönende Abschluss der mit besten sechs Monate meines Lebens!

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