Inga Wehmeyer hat im Jahr 2005 ein Semester am Royal Melbourne Institute of Technology (RMIT) studiert und ein Praktikum bei Ford Australia absolviert

Ein absoluter Traum

von Inga Wehmeyer (ingawehmeyer@gmx.de)

Dauerregen, miesmuffelige Mitmenschen, deutsche Kleinkariertheit, ungezählte Stunden hinter dem Schreibtisch — nach meinem Vordiplom in Maschinenbau an der RWTH Aachen wollte ich einfach nur noch weg. Und was bietet sich da mehr als Ziel an als Australien: Sonne, Abenteuer, Kängurus, Koalas, Leute aus aller Welt, "No Worries"-Mentalität und nebenbei die Chance, mein Englisch aufzupolieren.

Mit diesem Ziel vor Augen habe ich im Frühjahr 2004 angefangen, mir Informationen über ein Auslandssemester 2005 in Australien zu besorgen. Wer alles ohne größeren Stress hinter sich bringen möchte, sollte mindestens sechs bis neun Monate Vorlaufzeit einplanen; zwar reichen notfalls auch drei Monate, allerdings sind dann Bewerbungsfristen für Stipendien und Ähnliches längst abgelaufen. Es sollte sich keiner von dem Organisationsaufwand abschrecken lassen, so schlimm ist es gar nicht, und es lohnt sich wirklich. Meine Zeit in Australien war einfach nur traumhaft und de.nitiv eine der besten Zeiten meines Lebens!

Vorbereitungen

Es gibt mehrere Organisationen, die bei der Bewerbung an australischen Universitäten behilflich sind. In Aachen habe ich eine Informationsveranstaltung von GOstralia! besucht und mich dann auch mithilfe dieser Organisation beworben.

Die Mitarbeiter von GOstralia! waren mir insofern sehr hilfreich, als sie mir Broschüren und Informationen über mehrere Universitäten in ganz Australien zur Verfügung gestellt haben. Dadurch wurde mir die Wahl der Universität erheblich vereinfacht. Da ich Melbourne als Stadt sehr interessant fand und ich gerne an eine Uni mit einem technischen Schwerpunkt wollte, habe ich mich für das Royal Melbourne Institute of Technology (RMIT) entschieden. hat.

GOstralia! hat ein spezielles Abkommen mit einigen Universitäten, sodass ein TOEFL-Test (Test of English as a Foreign Language) meistens nicht erforderlich ist. Wer Englisch bis zum Abitur hatte und mindestens mit der Note 3 abgeschlossen hat, muss lediglich einen Englischtest beim DAAD (Deutscher Akademischer Auslands Dienst) absolvieren, der viel einfacher und kostenlos ist. Das Ergebnis dieses Tests habe ich zusammen mit einer Notenbescheinigung, einem "Letter of Motivation" und meinen Kurswünschen zu GOstralia! geschickt. Von dort wurden die Unterlagen an die RMIT weitergeleitet, sodass die Einschreibung schnell und reibungslos geklappt hat.

Vom RMIT bekam ich dann einen "Letter of Enrolment". Mit einer im Brief genannten Nummer kann man dann online das Visum beantragen, welches normalerweise innerhalb von 24 Stunden bewilligt wird. In Australien angekommen, kann man ein Studentenarbeitsvisum beantragen, sodass bis zu 20 Std. Arbeit pro Woche im Semester erlaubt sind.

Die Kurswahl hat sich als erheblich komplizierter und vor allem chaotischer erwiesen. Ich konnte mich bei der Einschreibung für bis zu acht Kurse anmelden, allerdings kann man im Ende.ekt nur vier bis fünf Kurse belegen, da man exakt 48 "Credit Points" erreichen muss, um ein Studentenvisum zu bekommen.

Die Informationen über die Kurse waren alle auf der RMIT-Website abrufbar, allerdings sehr unübersichtlich und veraltet. Ich kann nur empfehlen, den jeweiligen Professoren vorab eine kurze E-Mail zu schreiben und nachzufragen, ob der Kurs auch wirklich angeboten wird. Außerdem sollte man darauf achten, auf welchem Campus die Kurse stattfinden, da z.B. Bundoora relativ weit außerhalb liegt und man vom City Campus dahin eine Stunde mit der Tram fährt.

Auf einer der Informationsveranstaltungen habe ich Flugblätter zum Reisestipendium von DeAN und Qantas gesehen. Ich habe mich natürlich sofort beworben, da ich kein Auslandsbafög bekomme und somit wegen der hohen Studiengebühren (AUD 7 500, ca. 4 500 Euro) einige Finanzprobleme hatte. Glücklicherweise habe ich das Stipendium bekommen, und ich möchte mich daher an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei DeAN und Qantas für das Sponsern des Fluges bedanken!

Apropos Finanzen: Es ist am günstigsten, sich vorher ein Konto bei der Deutschen Bank einzurichten, da man dann bei den Westpac-Geldautomaten (die es an jeder Ecke gibt) gebührenfrei Geld abheben kann.

Ankunft und Wohnungssuche

Nachdem ich vor dem Zoll meinen Rucksack auspacken durfte, da ein Obst-Suchhund bei mir angeschlagen hatte — die Einfuhr jeglicher Art von Obst, Gemüse oder Fleisch ist verboten — bin ich mit dem Skybus in die Stadt gefahren. Der bringt einen genau wie der Abholservice der Uni direkt bis zum gewünschten Hostel, ist aber erheblich günstiger. Am besten bucht man von Deutschland aus einen Platz im Hostel (z.B. dem Greenhouse Backpacker) und kümmert sich dann vor Ort um ein längerfristiges Zimmer.

Da ich in Aachen noch Klausuren geschrieben habe, bin ich erst Anfang Februar und somit direkt vor der Einführungswoche in Australien angekommen. Wer die Zeit hat, sollte ruhig ein bisschen eher kommen, da dann die Wohnungssuche einfacher ist. Aber auch so habe ich in Carlton (einem super Stadtviertel!) nach zwei Wochen eine klasse WG mit zwei Australiern und einem Kanadier gefunden. Das Haus war zwar alt und hatte keine richtige Heizung, aber war supergemütlich, zentralund sogar mit einem kleinen Garten ausgestattet.

Ich habe viele Deutsche getroffen, die sich gemeinsam ein Zimmer oder ein Haus gemietet haben, ich kann das aber nicht wirklich empfehlen. Der beste Weg, um Aussies besser kennen zu lernen, ist, mit ihnen zusammen zu wohnen; Deutsche trifft man auch so an der Uni genug.

Guckt einfach an den Unis nach Aushängen, kauft samstags "THE AGE" (Melbournes große Tageszeitung) oder — am e.ektivsten — lest an einem Bookshop (z.B. in der Lygonstreet) die Aushänge durch. Es sind zwar auch einige absolute Bruchbuden dabei, aber wer ein bisschen Durchhaltevermögen hat, hat normalerweise spätestens nach drei Wochen ein Zimmer. Wenn ihr wirklich Interesse an einer speziellen WG habt, ruft da auf jeden Fall noch einmal an oder schickt eine SMS, dass ihr gerne einziehen würdet. Ich habe oft gehört, dass so etwas den Ausschlag gegeben hat.

Wer es komfortabler möchte, kann in eines der Studentenwohnheime ziehen (z.B. UniLodge), da gibt es noble und zentrale Appartements, die aber auch dementsprechend teuer sind (ca. AUD 220 pro Woche; mein WG-Zimmer kostete im Vergleich nur AUD 90 die Woche).

Welches Stadtviertel ihr bei der Wohnungssuche bevorzugt, solltet ihr von eurem Campus abhängig machen und darauf achten, dass ihr eine gute Bus- oder Tramverbindung dahin habt. Empfehlen kann ich auf jeden Fall Carlton und Fitzroy, aber auch in North Carlton, Brunswick oder North Melbourne .ndet man schöne WGs, von denen aus man noch schnell mit dem Fahrrad in die City kommt.

Einführungswoche

In der Einführungswoche wurde uns die Uni gezeigt, und bei den ersten Partys vom Student Exchange Club habe ich sofort andere Internationals kennen gelernt und mit ihnen die ersten Wochenendtrips (u.a. Phillip Island, Wilsons Prom und Grampians) geplant, Langeweile kommt hier einfach nie auf.
Außerdem wählt man in der ersten Woche die Kurse aus und macht seinen Stundenplan. Erst wenn man in den Kursen angemeldet ist, erfährt man online, wann und wo die Kurse statt finden. Ich kann nur empfehlen, sich in allen Kursen, die einen interessieren, anzumelden und sich die in der ersten Uniwoche einmal anzuschauen. Abwählen kann man die Fächer später immer noch. Wenn ihr bei einem Kurs nicht zugelassen werdet, fragt ruhig noch einmal persönlich nach, vieles lässt sich dadurch regeln.
Das ganze System ist ziemlich chaotisch, aber die Leute im Office für internationale Studenten sind super nett und hilfsbereit.

Alltag am RMIT

Für mich persönlich war der Unialltag in Melbourne ein ziemlicher Kontrast zu dem in Aachen. Während des Semesters musste ich Hausarbeiten und Tests schreiben oder auch Praktika absolvieren (die übrigens sehr interessant waren), sodass am Ende des Semesters schon 40–70% der Gesamtnote fest standen. Das bedeutete manchmal ziemlichen Stress, aber da ich bei der Kurswahl auf die Zahl und den Umfang der Assignments geachtet hatte, blieb mir trotz allem noch genug Zeit, um an den Wochenenden das wunderschöne Umland von Melbourne zu erkunden.
Das Gute war, dass durch dieses System der Lernaufwand für die Abschlussklausuren erheblich geringer als an meiner Heimatuni war und dass man auch vorher wusste, was einen so ungefähr für Fragestellungen erwarten.

Die Kursgröße variierte zwischen zehn und mehreren hundert Studenten. In den kleineren Kursen war die Betreuung sehr gut, und jeder musste mindestens eine Präsentation halten, was im Nachhinein gerade auf Englisch eine gute Übung war. Wegen mangelnden Englischkenntnissen sollte sich übrigens keiner Sorgen machen, mein Englisch war am Anfang nicht besonders gut, und dennoch hatte ich nach ein bis zwei Wochen Eingewöhnungszeit keine Probleme, den Vorlesungen weitgehend zu folgen.

Das RMIT organisiert viele Eintages- und Wochenendtrips, die wirklich gut und günstig sind und durch die man viele andere — meist internationale — Studenten kennen lernt. Vor allem Seakayaking, Caving (Höhlenklettern, für die, die gerne dreckig werden und nicht klaustrophobisch sind, ein absolutes Muss! — siehe Foto , Schwimmen mit Delfinen, Surfing und die Great-Ocean-Road-Tour waren wirklich klasse! Ich kann nur empfehlen, so viel wie möglich zu unternehmen, da einige es am Ende des Semesters bereut haben, dass sie die meisten Wochenenden hinterm Schreibtisch verbracht haben. Auch die diversen Clubs, wie z.B. Outdoor-, Surfing-, oder Underwater-Club sind eine super Möglichkeit, an den Wochenenden aus der Stadt raus zu kommen und neue Leute kennen zu lernen.

Melbourne

Melbourne ist einfach eine Traumstadt. Die Leute kommen aus aller Herren Länder, sind super freundlich und unglaublich hilfsbereit. Obwohl Melbourne über drei Millionen Einwohner hat, wirkt diese Metropole noch relativ überschaubar und hat wunderschöne Vororte.

Ob man lieber in St. Kilda am Strand entlang schlendert, in Carlton auf der Lygonstreet italienische Köstlichkeiten genießt oder zu der Musik von einer der zahlreichen Live-Bands auf der Brunswickstreet in Fitzroy die Nacht durch tanzt, hier in Melbourne ist für jeden etwas dabei.

Und das Gute an einer Großstadt ist, dass hier vor allem im Sommer ständig richtig coole Events stattfinden, von jeder Menge Festivals (u.a. St. Kilda- , Water- und Comedy-Festival), über den Formel 1-Grandprix, Melbourne Cup (Pferderennen) und die Footy- finals (ein absolutes Muss!), bis hin zu traumhaften Musicals wie "Lion King"; hier ist einfach immer was los. Wer sich erst einmal daran gewöhnt hat, dass in Melbourne vier Jahreszeiten an einem Tag absolut normal sind, will nicht wieder weg… ich zumindest nicht!

Reisen

In der Osterpause bin ich für eine gute Woche mit einer kleinen Reisegruppe (Adventure Tours) ins Outback gefahren, um u.a. Uluru, Kata Tjuta, Kings Canyon, Palm Valley und Coober Pedy zu erkunden und nachts im Swag liegend das Southern Cross und die Milchstrasse zu bestaunen. Das sollte sich niemand entgehen lassen, die Eindrücke waren unbeschreiblich und einmalig.

Einige Andere haben die Woche genutzt, um nach Tasmanien rüber zu fliegen, was auch sehr schön sein soll, solange man das nicht im Winter macht.

Im Anschluss an die Uni habe ich sechs Wochen mit dem Greyhound Bus die absolut traumhafte Ostküste unsicher gemacht: Tauchkurs in Cairns, Wandern in Cape Tribulation, Segeln durch die Whitsunday Islands, Jeep-Tour auf Fraser Island, Whalewatching, Sydney, Brisbane, eine Woche Outback genießen auf einer Cattlefarm… der Platz reicht hier leider nicht, um auch nur annähernd die traumhaften Erfahrungen wieder zu geben. Aber das sollte eh jeder selbst erleben!

Praktikum

Mitte August habe ich mein dreimonatiges Praktikum bei der Ford Motor Company of Australia in Melbourne angefangen. Es war echt interessant, und für mich war es die perfekte Möglichkeit, noch länger in Melbourne zu bleiben, mehr Australier und deren Arbeitsweise kennen zu lernen und zugleich die Hälfte meines P.ichtpraktikums zu absolvieren.

Es ist nach meiner Erfahrung relativ schwierig, in Australien einen Praktikumsplatz zu .nden, da die australischen Firmen mit dieser Idee nicht vertraut sind. Ein komplettes Praxisjahr während des Studiums ist hier weit verbreitet, das ist vielleicht einfacher zu regeln.

Ich hatte Kontakte zur Ford AG in Deutschland, was es für mich vereinfacht hat. Die anderen deutschen Praktikanten, die ich hier getroffen habe, waren weitestgehend bei deutschen Firmen beschäftigt und hatten alles von Deutschland aus organisiert. Es sollte sich aber keiner dadurch entmutigen lassen; es kostet schließlich nichts, bei den verschiedenen Firmen anzurufen, und in der Regel sind die Verantwortlichen sehr freundlich und geben gerne Auskunft.

Aus Deutschland kann man entweder das Work & Holiday Visa (für bis zu drei Monate bei einem Arbeitgeber) oder ein Occupational-Trainee-Visa beantragen, welches ein bisschen mehr Papierarbeit von dem Praktikanten und der Firma erfordert. Ich habe letzteres hier in Australien im Anschluss an mein Studentenvisum beantragt und auch nach einigen Wochen problemlos genehmigt bekommen; einem Freund wurde allerdings gesagt, dass er es — genau wie das Work & Holiday Visa — nur aus Deutschland beantragen kann, so dass er zurück.iegen musste. Ein Versuch lohnt sich aber auf jeden Fall!

Abschied

Bevor ich Mitte Dezember nach Deutschland zurück fliege, werde ich noch vier Wochen durch Neuseeland reisen, das Land der Kiwis soll schließlich auch seine Reize haben. Vorher bleiben mir noch zwei Wochen hier in Melbourne, die sicherlich wie die letzten neun Monate viel zu schnell vorbei gehen werden.

Die Zeit hier war so unbeschreiblich schön und ereignisreich… es wird mir wahrlich schwer fallen, Melbourne, den anderen Internationals und vor allem den Aussies Good Bye zu sagen. Australien ist einfach ein Traumland, und ich muss de.ntiv noch einmal zurückkommen und die Westküste erkunden!

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