"G´Day Mate"

Ein Studienjahr an der University of NSW, Sydney

von Regine Salminger, Passau


Angefangen hat alles mit einer Brieffreundschaft mit einer gleichaltrigen Australierin während meiner Schulzeit und ihrem Besuch in Deutschland. Als ich dann 1992 im Rahmen eines Jugendaustausches des Lions Clubs International sechs Wochen bei Gastfamilien in Australien verbrachte, war meine Begeisterung für "Down Under" nicht mehr zu bremsen. Ich wollte dieses Land und seine Menschen genauer kennenlernen und dafür waren Ferienaufenthalte einfach zu kurz. So bemühte ich mich an meiner Heimatuniversität Passau um ein Austauschprogramm mit der University of NSW (UNSW) in Sydney. Unterstützung bekam ich von vielen Seiten an beiden Universitäten, wobei mein Dank besonders Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski und Universitätsprofessor Gerard C. Rowe gilt.

Im Februar 1994 war es dann endlich soweit; bepackt mit zwei Koffern und einem riesigen Rucksack machte ich mich auf den Weg nach Sydney. Bereits am Flughafen wurde ich von einem Mitarbeiter des International Student Centers (ISC) begrüßt.

An der UNSW studieren jedes Jahr ein große Anzahl von Studenten aus Überseeländern, insbesondere aus Asien und Nordamerika, wobei das ISC sich um die Austauschstudenten und das Study Abroad Office sich um die Studenten kümmert, die unabhängig von einem Austauschprogramm an der UNSW studieren. Der Vorteil eines Austauschprogramms besteht vor allem darin, daß die teuren Studiengebühren von ca. AUS$ 12.000 pro Jahr nicht anfallen. Sowohl das ISC als auch das Study Abroad Office haben immer ein offenes Ohr für die Probleme ihrer Schützlinge und unterstützen sie insbesondere bei der Wohnungssuche bzw. der Vermittlung eines Zimmers in einem der sieben Colleges auf dem Universitätsgelände. Trotz der zentrumsnahen Lage der UNSW im südöstlichen Stadtteil Kensington, sind die Mietpreise für ein Zimmer in einer WG in den umliegenden Stadtteilen noch erschwinglich, insbesondere im Vergleich zu den Mietpreisen in deutschen Großstädten.

Ich hatte mich jedoch für ein Zimmer im Goldstein College, dem kleinste der Colleges mit nur ca. 80 Studenten entschieden. Die Colleges bieten den Studenten Unterkunft in Einzelzimmern mit gemeinsamen sanitären Anlagen und volle Verpflegung. Darüberhinaus stehen Computerräume und Gemeinschaftsräume mit TV, Zeitungen und Musikanlagen zur Verfügung. Hauptsächlich wohnen australische Studenten in ihren ersten beiden Studienjahren im College, mit denen ich auch schnell in Kontakt kam. Neben wunderbaren Freundschaften habe ich dort auch die besten "Lehrer" gefunden, um mein Englisch insbesondere in Alltagssituationen zu verbessern.

Die juristischen Fakultät der UNSW zeichnet sich dadurch aus, daß der Unterricht im Seminarstil in Kleingruppen von ca. 25 - 30 Studenten stattfindet. Die Studenten sind dazu angehalten, sich den Stoff anhand von Lehrbüchern und ausgegebenen Materialien zu Hause zu erarbeiten. Im Vordergrund der Stoffvermittlung im Unterricht steht die Diskussion über die erarbeiteten Themengebiete. In die Abschlußnote fließen somit neben der Bewertung von schriftlichen Hausarbeiten (essays, researchpaper) und einer Abschlußklausur insbesondere die mündlichen Mitarbeit, auch in Form von kurzen Referaten ein. Die Abschlußklausuren sind regelmäßig "open - book - exams", da die Studenten nicht danach beurteilt werden, wieviele Fälle sie sich merken können, sondern ob sie ihr erlerntes Wissen anwenden und überzeugend argumentieren können.

Als Austauschstudentin waren mir keine Grenzen gesetzt hinsichtlich der Auswahl der Fächer. Ich entschied mich für "legal systems and torts", einen kombiniertem Jahreskurs, der sich mit der Geschichte des australischen Rechtssystems und dem Schadensersatzrecht befaßte. Als weiteren Jahreskurs belegte ich "criminal law", bei dem nicht das materielle Recht, sondern allgemein die Hintergründe und gesellschaftlichen Bezüge des Strafrechts im Vordergrund standen. Neben einem Einführungskurs in die juristischen Forschungsmöglichkeiten und die Arbeitstechniken im case - law system ("legal research and writing") nahm ich noch an diversen Kursen in "Asian Studies"und "Aboriginal Studies" teil.

Eines der "Highlights" meines Studienjahres war ein "field - trip" mit dem Aboriginal Research and Resource Center der UNSW. Mit einer Gruppe von ca. 20 Studenten und sechs Aborigines als Betreuern war ich zehn Tage mit Bus und Zelt in der Gegend um Broken Hill im Westen von NSW unterwegs. Nicht nur bei den Besichtigungen von geschichtlichen Stätten, sondern auch im gemeinsamen Zusammenleben während dieser Zeit konnte ich viel über die Kultur der Ureinwohner Australiens erfahren.

Die Winterferien zwischen den beiden Semestern und die Zeit nach Ende des Studienjahres habe ich mit Reisen in NSW, nach Queensland und Neuseeland verbracht. Eine ganz besondere Erfahrung war aber auch das "sommerliche" Weihnachten und Silvester bei Freunden in Sydney. Es würde den Rahmen dieses Berichts bei weitem sprengen, wenn ich noch alle anderen schönen und unvergeßlichen Momente erwähnen wollte.

All denjenigen, die mich vor meiner Abreise entgeistert gefragt hatten, was mir denn ein einjähriges Jurastudium am anderen Ende der Welt "bringen" würde, kann ich nur sagen: Zum einen hat dieser Aufenthalt meinen persönlichen Horizont sehr erweitert, insbesondere durch das Leben in einer solch multikulturellen Gesellschaft wie der in Sydney. Andererseits habe ich durch das Studium eines völlig anderen Rechtssystems auch einen offeneren und kritischeren Blick für das deutsche Rechtssystem bekommen, wodurch mein weiteres Studium in Passau positiv beeinflußt wurde.

Ach ja, vielleicht abschließend noch eine Bemerkung zu der obligatorischen Frage nach dem Heimweh. Das habe ich erst bekommen, als ich im Januar 1995 wieder den Rückweg nach Deutschland antreten mußte, denn Australien ist für mich zu einer zweiten Heimat geworden.

"See ya, Aussie!"