Ein Studienjahr an der
School of Banking and Finance
der University of New South Wales (UNSW) in Sydney

Wolfgang Boffo


Am 28. Februar 1997 verließ ich morgens mit dem ersten Zug bei Nebel und bei Tem-peraturen nahe null Passau in Richtung Frankfurt/Flughafen. Gegen 14.00 Uhr setzte ich meine Reise fort, um nach etwa 22 Stun-den Nettoflugzeit am 2. März in Sydney an-zukommen. Neben Pong, meinem 'Fahrer', erwarteten mich sommerliche 35 *C, strahlend blauer Himmel und viel Ozon.

Halt: Sydney? Australien? Zum Studieren, für ein Jahr? Warum so weit weg, wo doch England und selbst die USA viel näher lie-gen, und darüber hinaus auch noch ver-schiedene Austauschprogramme für BWLer bestehen?

Bereits 1988 war es mir aufgrund eines Schulaustausches möglich, 5 Wochen bei einer Familie in Sydney zu verbringen. Da-mals wurde der 200. Geburtstag Australiens gefeiert, und ich konnte den größten Teil der Feier-lichkeiten miterleben. Die multikulturelle Vielfalt, die Schönheit dieser Stadt und ein einwöchiger Aufenthalt am Great Barrier Reef begeisterten mich derart, daß ich noch einmal für einen längeren Zeitraum zurück-kommen wollte.

'Studieren in Australien' nannte sich der Vortrag des Akademischen Auslandamtes wohlwissend, daß es sich um einen Vortrag für Juristen handelt, besuchte ich ihn den-noch, um Informationen über studentisches Leben in Australien und Erfahrungswerte aus erster Hand zu bekommen. Am näch-sten Tag forderte ich, gestärkt in der Absicht auch ohne bestehende Austauschvereinba-rung für BWLer in Sydney zu studieren, via Internet entspre-chendes Informationsmate-rial der UNSW via Internet an. Bereits eine Woche später fand ich dieses im Briefkasten. Das Zusammenstellen der Kurse und der Bewerbungsunterlagen war nicht zuletzt aufgrund der Unterstüt-zung durch Professor Dr. Jochen Wilhelm und Dr. Neil Jackson, die stets ansprechbar waren, schnell erle-digt. Schließlich erhielt ich im Dezember 1996 die Zusage des Studienplatzes für Fe-bruar 1997.

Das australische Studienjahr unterteilt sich wie das deutsche, in 2 Semester (session 1 und session 2), wobei jede session 14 Wo-chen dauert, je eine Woche mid session break beinhaltet und von einem etwa 4 wöchigen Prüfungszeitraum gefolgt wird. Session 1 beginnt Ende Februar/Anfang März, Session 2 Ende Ju-li/Anfang August. Zwischen Session 1 und 2 sind knapp 4 Wochen Winterferien, die großen Sommer-ferien dauern von Dezember bis Februar. Genau dieser Modus bereitete kurzfristig noch Probleme, da die Semester-abschluß-klausuren in Passau in die erste australische Vorlesungswoche fielen. Nach mehreren Gesprächen in Passau, Emails nach Austra-lien und Stornieren eines bereits gebuchten Flugs wurde eine Lösung gefunden, die Klausuren noch mitzuschreiben und die Ein-schreibung in Australien nachzuholen.

Nun war ich also in Australien, in Sydney, angekommen. Sydney ist mit knapp 4 Mio. Einwohnern die größte und älteste Stadt Australiens und wird, neben San Francisco und Vancouver, oft als eine der schönsten Städte der Welt bezeichnet. Steht man nahe Circular Quay und blickt rechte zum Opern-haus und links zur Hafenbrük-ke, weiß man wohl auch warum.

Australien war mehr oder weniger von je her ein Einwanderungsland (auch wenn derzeit gewisse Teile der Be-völkerung, angeführt von der Fish'n'Chips Verkäuferin Pauline Hanson aus Queensland, anderer Meinung sind). Zwar ließ man zunächst lediglich 'wei-ße Europäer` zuwandern, jedoch änderte sich diese sog. white policy zum ersten Mal in den 50er/60er Jahren. Eine große Zuwan-derungswelle bildeten viele Griechen und Italiener; auch aus Vietnam kamen in den 70er Jahren viele Zuwanderer (Australien war am Vietnamkrieg beteiligt und nahm weitaus mehr Flüchtlinge auf als z. B. die USA). Die letzte größere Welle bildeten in den 80er Jahren vor allem Chinesen aus Hong Kong. Diese multikulturelle Vielfalt wird an jeder Ecke Sydneys deutlich. Es gibt wohl kaum eine Nation, die in Australien bzw. Sydney nicht vertreten ist. Es wird mit-einander äußerst zuvorkommend und hilfs-bereit umgegangen. Das Leben insgesamt läßt man laid back angehen, es gilt die Devi-se no worries.

In Sydney gibt es fünf Universitäten, UNSW ist mit etwa 30 000 Studenten eine der größten Universitäten von Australien. Diese Größe fällt allerdings kaum auf, da das Universitätssystem eher dem anglo-amerikanischen ähnelt. Die Kurse sind i. d. R. klein und überschaubar. Wohl auch wegen der internationalen Ausrichtung der UNSW kommt die kulturelle Vielfalt auch auf dem Universitätsgelände und in den Kursen zum Ausdruck. Ne-ben den anderen Studenten, die primär aus asiatischen Ländern kamen, hatte ich u. a. Dozenten aus Schottland, Kanada, Hong Kong und Holland. Mensa im klassischen Sinn gibt es keine, dafür aber unzählige Cafeten, die neben Kaffee auch normales Essen bereithalten.

Der Unterricht findet mehr im Seminarstil statt, was zur Folge hat, daß sich zwischen den Kursteilnehmern un-tereinander, aber auch zum Dozenten ein guter, enger Kontakt aufbauen kann. So entstand in meinen Kursen oft eine sehr angenehme, persönliche (Arbeits-) Atmosphäre, man kannte sich und sprach sich mit Vornamen an. Auch ein Bierchen nach der Vorlesung war manchmal drin und so konnte mit meinem schottischen Dozenten angeregt und fachkundig über Fußball diskutiert werden.

Die Notenvergabe erfolgt gestaffelt nach Prozentzahlen. Theoretisch kann man insgesamt 100 % erreichen, praktisch Freudensprünge australischer Studenten, beobachten, falls diese knapp 80 % erreichen. Im Gegensatz zu Passau werden mehrere Teilleistungen während des Semesters erbracht und zum Schluß die Gesamtnote er-mittelt. Da diese Teilleistungen auch durch Presentations, Papers, Groupassignements und Mitarbeit erbracht werden müssen, ergibt sich quasi auch für Postgraduates eine Anwesenheitspflicht, auch wenn diese in meinem Fall lediglich durch mein Visum gegeben war (Undergraduates haben i. d. R. immer Anwesenheitspflicht.). Die Prüfungsaufgaben werden entweder als essay type question und / oder multiple choice gestellt. Ersteres half (hoffentlich), mit all den anderen schriftlichen Arbeiten und Präsentationen, meine Englischkenntnisse voran-zutreiben, letzteres konnte mich auch in einer fremden Sprache nicht davon überzeugen, daß es geeignet sein soll, Erlerntes zu überprüfen.

UNSW liegt im Stadtteil Randwick und ist mit dem Bus außerhalb der Stoßzeit etwa 20 Minuten vom Stadt-zentrum entfernt. Coogee, der Stadtteil in dem ich wohnte, liegt zwischen Randwick (es dauerte etwa 15 - 20 Minuten zu Fuß bis zur Uni) und dem Pazifik. Letzterer war lediglich 5 Minuten entfernt und vom Garten aus sichtbar. Das Study Abroad Office, das die über das Study Abroad Program studierenden Studenten, also auch mich, betreute, hält mehrere Häuser für ausländische Studenten zur Verfügung. Auch soziale Aktivitäten wurden en masse angeboten. Wollte man diese nicht mit einer Schar Amerikaner (etwa 95 % des Study Abroad Programs bestand aus amerikanischen Undergraduates) erleben. gab es ale Alternative an der Uni äußerst viel Auswahl an verschiedenartigsten Vereinigungen und Clubs.

Als sich gegen Ende das ersten Semesters der Dollarkurs dann so richtig von meiner ursprünglichen Kalkulati-onsbasis entfernte, war ungewiß, ob die Finanzierung eines zweiten Semesters darstellbar sein wird. Eine meiner Bewerbungen als Werkstudent war erfolgreich und somit die Finanzierung des zweiten Semesters gewährleistet. Ich durfte mich downtown bei Ernst & Young zunächst vorstellen, kurz darauf für 8 Wochen mitarbeiten. Es galt die Bücher der Commonwealth Bank, zweitgrößte Bank Australiens, zu prüfen. So gewann ich auch noch Einblick, wie man in Australien laid back arbeitet - Zeit für einen Schooner nach der Arbeit, eine Partie Pool quasi als Mittagsnachtisch oder eine angeregte Diskussion während der Arbeit über Aussi Rules Football, Rugby (league und union) oder auch Cricket war immer.

Es war Winter zu dieser Zeit, im Juli und August angeblich am unangenehmsten kalt. Nun, kalt wurde es manchmal in der Nacht, wenn es regnete, windig war und gleichzeitig die Temperatur abfiel (i. d. R. war 10 'C unterste Grenze in der Nacht), weil Fenster und Türen bei Häusern ohne Klimaanlage wegen der Hitze im Sommer nicht isoliert worden. Gefroren hat es mich allerdings nur an der Bushaltestelle in der Früh auf dem Weg zur Arbeit. Nein, nicht die Temperatur, sondern der Anblick von Personen in Mantel, Schal, Handschuhe und Mütze bei etwa 15 'C ließ mich frieren. Es mußte wohl so richtig kalt gewesen sein..

Ich möchte mich nicht wiederholen, aber auch bei Ernst & Young bzw. bei der Commonwealth Bank war reichlich 'multikulti' vorhanden. So bestand mein Team aus einem Mazedonier, einer Assyrerin, einer Dänin, einem Chinesen aus Hong Kong und einem Chinesen aus Malaysia, einem Briten und einem indischen Briten. Zwar hatten eigentlich alle einen australischen Paß - meist aber auch noch einen zweiten. Weil damals, im Juli 97, Pauline Hanson weniger Fish 'n' Chips verkaufte, sondern mehr ihre einfältigen, rechten Parolen, hatten wir neben den Diskussionen über Sport oft auch die über Australien und seine Bewohner. Ich hatte den Eindruck, insbesondere bei Diskussionen mit 'meiner' Generation, daß jeder irgendwie Australier ist, der dort lebt; keiner ist's mehr und keiner weniger. All diese Aussies bzw. ihre Vorfahren entstammen verschiedenen Kulturen, man steht dazu, wenn man möchte und praktiziert, von den Mitmenschen akzeptiert und respektiert, deren Bräuche. So läßt es sich m. E. auch erklären, daß das Miteinander so gut funktioniert - man hat den Eindruck, die Pro-bleme der verschiedenen Kulturen untereinander wurden in Europa bzw. Asien gelassen.

Trotzdem muß erwähnt werden, daß es in Australien Bürger 2. Klasse gibt. Die Aboriginies. Ich wußte zwar um den schweren Stand der Aboriginies in der australischen Gesellschaft, war aber sehr betroffen als ich schließlich herausgefunden hatte, für was der Begriff der stolen generation steht. Bis 1987 hatten Aboriginies keine australische Staatsangehörigkeit, waren quasi staatenlos, durften folglich nicht wählen, keine Grundstücke in Australien besitzen und konnten

nicht reisen. Darüber hinaus wurden (bis 1967!) den Familien die Neugeborenen und Kinder weggenommen, um diese in weißen Familien aufwachsen zu lassen. Ziel war es die äußerst interessante Kultur aussterben zu lassen. Noch heute sind viele Aboriginies auf der Suche nach ihren richtigen Eltern, noch heute hat sich die Regierung für die stolen generation nicht entschuldigt.

Da neben dem Studium auch noch Zeit blieb, die Reiselust zu befriedigen, kann ich insgesamt das Jahr in Au-stralien, wie viele, die selbst einmal ein studienjahr im Ausland verbracht haben, verstehen werden, als einen der schönsten, interessantesten und erfahrungsreichsten Abschnitte meines Lebens bezeichnen.

Bleibt zum Schluß noch anzumerken, daß den Juristen beneidenswerterweise mittlerweile 4 Partneruniversitäten zur Auswahl stehen und zu hoffen, daß Australien irgendwann auch für BWLer über einen Austausch ohne Studiengebühr erreichbar wird.

(Wolfgang Boffo)