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Drei Monate im "canberrianschen" WinterPraktikum an der ANU - 2002U. Schröter |
Wie ich zu meinem Australienaufenthalt kam? In der Endphase meiner Doktorarbeit in Neurobiologie hatte ich eine Frage zu einer zwanzig Jahre alten Veröffentlichung. Der Autor, Dr. Ibbotson, ließ sich dank Internet an der Research School for Biological Sciences (RSBS) der Australian National University (ANU) in Canberra lokalisieren. Und siehe da: Dr. Ibbotson erinnerte sich nicht nur an seinen Artikel und beantwortete meine Frage, sondern bot mir ausserdem aufgrund unseres gemeinsamen Forschungsinteresses eine Kooperation in Australien an!
Das Angebot bezog sich auf vorerst drei Monate und enthielt das Flugticket, die Übernahme der Miete sowie eine kleine Unterstützung zu den Lebenshaltungskosten.
Für das Visum (Kategorie 419 - Visiting Academic) benötigte ich eine Einladung der australischen Universität, meine Diplomurkunde (meine Disputation fand erst zwei Wochen vor meinem Abflug statt), 95,- EUR Antragsgebühr sowie Überzeugungskraft, um aus der Diskussion über die Frage, ob ich als Stipendiat der australischen Universität meine finanzielle Unabhängigkeit nachweisen muss oder nicht, als Sieger hervorzugehen.
Die Unterbringung war wegen des kurzen Aufenthaltes ein mittleres Problem. Ursprünglich war geplant, mich auf dem Campus unterzubringen, dort wurden jedoch keine Wohnungen unter einem Jahr vermietet. Glücklicherweise kannte Dr. Ibbotson eine Studentin, die mir ein Zimmer auch nur für drei Monate vermieten würde. Mit dem Haus zum Zimmer und meinen "housemates" hatte ich sagenhaftes Glück. Ich wohnte nur drei Minuten vom "Lake Burley Griffin" entfernt, der eine aufregend vielfältige Vogelwelt zu bieten hat, und unsere Hausgemeinschaft war mit einer Australierin/Inderin, einem Franzosen, einer Tschechin und einem Italiener herrlich international.
In der RSBS arbeiten mehrere Forschungsgruppen parallel an den verschiedensten Fragestellungen; so gibt es Pflanzengenetiker, Verhaltensforscher und Neurobiologen. In meiner Arbeitsgruppe arbeiteten ausser Dr. Ibbotson, den ich ganz australisch mit seinem Vornamen Michael anredete, noch ein Doktorand und ein Diplomand. Als so genannter Postdoc musste ich keine Seminare absolvieren und konnte mich ganz auf die Forschung konzentrieren. Allerdings wurde ich in die Betreuung einer französischen Austauschstudentin eingebunden, was mir aber viel Spass machte.
Der Campus hat mir sehr gut gefallen: es gibt mehrere Wiesen mit zahlreichen Eukalyptusbäumen und mitten durch die Anlage schlängelt sich der "Sullivan Creek". Im "Union Court" gibt es mehrere Cafes und Restaurants, von denen einige sogar bis abends acht Uhr noch auf sind; sehr nützlich, wenn man mal wieder zu lange gearbeitet hat. Mit Arbeit spät abends ist man allerdings meist allein, da fast alle Australier gegen sechs Uhr abends nach Hause gehen. Sehr gesunde Arbeitseinstellung, zumal ich nicht den Eindruck hatte, dass sie dadurch weniger arbeiten würden, wie ihnen immer gern nachgesagt wird.
Aus der Hauptstadt Berlin kommend, nimmt sich die Hauptstadt Canberra eher wie ein grosses, wenn auch schönes Dorf aus. Dafür hat Canberra aber reichlich Natur zu bieten, u.a. den oben genannten See, mehrere "mountains" und "hills", natürlich jede Menge Eukalyptusbäume und einen urwüchsigen Botanischen Garten. Da sich dieser nahe der RSBS befindet und der Eintritt frei ist, konnte ich dort auch ab und zu eine entspannende Pause einlegen.
Noch ein Wort zum Klima: Australien ist zwar meist und fast überall herrlich warm, aber nicht im "canberrianschen" Winter. Als ich im Juni dort ankam, gehörte zu meinen ersten Investitionen vor Ort ein dicker, warmer Pullover, da es mit tagsüber 13 Grad Celsius und nachts -5 Grad Celsius (!) relativ frisch war. Ohne meinen Schlafsack plus Wärmflasche und Michaels Heizgerät hätte ich womöglich nicht überlebt. Allerdings soll das niemanden abschrecken: es war zwar ziemlich kalt, aber ansonsten war das Wetter fantastisch. Der Himmel war fast jeden Tag strahlendblau, die Luft smog-frei und geregnet hat es oft nur nachts.
Also, ich habe mich in Canberra sehr wohl gefühlt und freue mich schon darauf, in ein paar Monaten die längerfristige Stelle anzutreten, die mir am Ende meines Forschungsaufenthalts angeboten wurde.
P.S.: Zum Schluss noch ein Tipp für alle Liebhaber richtigen Brotes: ich habe doch tatsächlich eine Bäckerei aufgetrieben, die echtes Sauerteigbrot (als Grau- und Vollkornbrot) anbietet: die Silo-Bakery in Manuka, Giles-Street. Dort werden ausserdem leckere kleine Törtchen und Croissants angeboten und ihre Käseauswahl kann sich auch sehen lassen. Wer mag, kann dort auch gemütlich frühstücken. Also, wen immer es nach Canberra verschlägt und nach Abwechslung vom ewigen Weissbrot hungert, der sollte unbedingt mal dort vorbeischauen! (Ulrike Schröter)