"Der Traum gehört nun mir"

Praktisches Jahr im Bereich Innere Medizin in Tasmanien

Karoline Enss


Erfahrungsbericht über vier Monate Studium, Reisen und Freizeit auf der anderen Seite der Erdkugel

Ich habe von Februar 2003 bis Juni 2003 vier wunderschöne Monate in Tasmanien verbracht. Diese vier Monate waren ein Teil des Praktischen Jahres meines Medizinstudiums. Kurz zur Erklärung: Das Praktische Jahr (PJ) ist das letzte Jahr des Medizinstudiums. Es wird in drei Tertiale von jeweils vier Monaten unterteilt. Ich habe ein Tertial in Innerer Medizin am Royal Hobart Hospital absolviert, einem Lehrkrankenhaus der Medical School, University of Tasmania.

Vorbereitungen

Meine Vorbereitungen begannen gut ein Jahr vorher mit einer Mail-Anfrage bei Kate Roach (Elective Co-Ordinator, Kate.Roach@utas.edu.au), die an der School of Medicine für die ausländischen Studenten zuständig ist. Nach dem Ausfüllen und Rücksenden der Bewerbungsunterlagen dauerte es zwei - für mich sehr spannende - Monate bis ich eine Zusage für den Zeitraum bekam. Die Studiengebühren betrugen pro Woche AUD 275,-. Die komplette Summe musste schon vor dem Studienbeginn überwiesen werden und es ist sinnvoll eine Versicherung über diesen Betrag abzuschließen, da man bei frühzeitigem Abbruch des Aufenthalts kein Geld zurückerstattet bekommt.

Für den Aufenthalt benötigt man ein Occupational Training Visa, das man für 95,- Euro bei der Australischen Botschaft in Berlin beantragen kann. Hinzu kommen 60,- Euro für die Untersuchung bei einem Vertragsarzt der Botschaft incl. einer Röntgenaufnahme der Lunge. Uber das Studentenwerk der Uni Tasmaniens (Tasmania University Union, TUU; E-Mail: ¨ TUU.Housing@utas.edu.au, WWW: www.tuu.utas.edu.au) habe ich schon von Deutschland aus problemlos ein Zimmer organisieren können. Die TUU bietet in ganz Hobart verschiedene Haus-WG's an, in denen einzelne Zimmer vermietet werden. Die Zimmer sind relativ teuer und man kann vor Ort günstigere private Zimmer bekommen. Man kann sich beim TUU z.B. nur für die ersten Wochen einmieten, um schon mal eine sichere Unterkunft für den Anfang zu haben. Von dort aus lässt sich die Wohnungssuche vor Ort organisieren (Zeitung, schwarzes Brett der Uni etc.). Schöne Wohnviertel sind Battery Point und Sandy Bay. Meine erste Unterkunft war mitten in der Stadt ein ehemaliges Hotel in der Liverpool Street. Vorteilhaft war die Nähe zum Krankenhaus, nachteilig empfand ich die Atmosphäre, die eher an ein Wohnheim erinnerte. Wohler habe ich mich schließlich in einer Haus-WG gefühlt, in die ich problemlos umziehen konnte. Die Häuser sind recht gut eingerichtet mit Küche, Waschmaschine, Wäschetrockner und sogar einem Fernseher mit Videorekorder.

Das Studium

Tasmanien ist bei deutschen Medizinstudenten sehr beliebt, da es dort im Gegensatz zu den anderen Universitäten Australiens möglich ist, ein komplettes Tertial zu absolvieren. Außerdem sind die Studiengebühren im Vergleich relativ günstig.

Die australischen Medizinstudenten verbringen die meiste Zeit ihres Studiums im Krankenhaus. Dort fi.nden neben den praktischen Kursen auch die meisten Vorlesungen statt. Ich war den Studenten im letzten Studienjahr gleichgestellt. Allerdings ist das nicht direkt vergleichbar mit dem PJ im deutschen System. Nach dem Studium folgt in Australien eine Zeit als so genannter "Intern". Für unser Verständnis ist er vom Status her eine Mischung aus Student im PJ und Arzt im Praktikum. Im letzten Studienjahr wird zwar auch viel praktisch gemacht, es stehen aber auch viele theoretische Kurse auf dem Programm. Diese Kurse konnte ich freiwillig besuchen und ich musste keine Klausuren bestehen. Für das Landesprüfungsamt in Deutschland reicht die Bescheinigung über die Zeit, die man im Krankenhaus verbracht hat. Die Kurse haben sich zum großen Teil echt gelohnt. Besonders interessant fand ich die Untersuchungskurse am Patientenbett und die teilweise sehr lehrreichen Seminare. Ich genoss die Freiheit, mir die Kurse selber zusammenzustellen.

Zusätzlich zu den Kursen wird man als Student einer Station zugeteilt, auf der man sich engagieren kann. In welchem Rahmen die Studenten das getan haben, war sehr unterschiedlich. Manche Studenten sind nur zur Visite hingegangen und haben sich im Anschluss in eigener Initiative für sie interessante Patienten genauer angeschaut. Eine der wenigen Pflichtübungen war die regelmäßige Vorstellung einer Patientengeschichte. Auch hier lautet die Zauberformel Eigeninitiative, denn keiner kontrolliert die Zeit, die man auf der Station verbringt. Die australischen Medizinstudenten haben zwar schon früher als in Deutschland die Möglichkeit, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Sie werden allerdings nicht in die Stationsroutine eingebunden. Das hat meines Erachtens den Vorteil, dass man die Möglichkeit hat, verschiedenen Untersuchungen beizuwohnen, ohne auf der Station vermisst zu werden. Ein großer Nachteil ist aber, dass man nicht automatisch in das Stationsteam integriert wird. Es war so gesehen jedem selbst überlassen, was er/sie sehen, machen und lernen wollte. Ich konnte im Verlauf meines Aufenthalts die Station drei Mal wechseln und so eigene Schwerpunkte setzen. Viele praktische Arbeiten, die in Deutschland die PJ-Studenten erledigen, übernehmen in Australien Schwestern bzw. Pfleger. Stationen, wie man sie aus Deutschland kennt, gibt es nicht. Die Patienten werden einem Ärzteteam zugeteilt und dadurch sind die Patienten auf verschiedenen Stationen und Stockwerken untergebracht. Bei der Visite sind wir also durch das komplette Krankenhaus gelaufen, um unsere Patienten zu sehen. Ich hatte den Eindruck, dass es wie im Studium in Deutschland läuft: Wenn man sich sehr einbringt, wird einem auch immer mehr zugetraut und gezeigt. Auf diese Art und Weise konnte ich selbst steuern, wie viel ich bereit war zu investieren und gleichzeitig nicht zu versäumen, die aufregende, fremde Umgebung zu erkunden. Hierzu motivierten uns die Stationsärzte gerade zu ausgesprochen freundlich.

Die australischen Medizinstudenten hatten durch die Arbeit in der Klinik in der Woche wenig Freizeit und es war am Anfang nicht so einfach, Kontakte zu ihnen zu knüpfen. Alle waren zwar immer freundlich und hilfsbereit, aber hatten auch immer viel um die Ohren. Mit der Zeit haben sich aber sehr schöne Verbindungen entwickelt und mit einigen habe ich noch immer Kontakt.

Das Praktische Jahr war für mich wahrscheinlich die letzte Gelegenheit, im medizinischen Bereich in Australien tätig zu sein. Die Auflagen als Arzt mit dem deutschen Examen in Australien tätig zu sein, sind kaum zu erfüllen und daher bin ich wirklich froh, dass ich diese Chance nutzen konnte. Man brauchte keinen TOEFL-Test, um einen Studienplatz zu bekommen, aber gute Englischkenntnisse sind schon vorteilhaft. Außerdem hatte ich in Münster Medical English-Kurse besucht. Trotzdem musste man sich erst mal an die zahlreichen Abkürzungen im Krankenhaus gewöhnen.

Reisen und Freizeit

Das Hauptfortbewegungsmittel in Tasmanien ist das Auto. Mit Bussen kann man sich prima in Hobart bewegen, aber außerhalb von Hobart ist das öffentliche Verkehrsnetz eher dürftig ausgebaut. Daher habe ich mir mit einer Freundin zusammen vor Ort ein sehr altes und günstiges Auto gekauft. Da es in Tasmanien keine strikten TÜV-Vorschriften gibt, sind die meisten Autos alt und klapperig und eben entsprechend günstig. Bleifrei? Umweltbewusstsein? Nein danke, könnte hier ironischerweise das Motto für Tasmanien sein. Der Sprit ist günstig und auch die Versicherung war nicht teuer. Wir nutzten die Lücke im umweltunfreundlichen System und konnten uns über die Investition freuen. So waren wir flexibel und konnten in jede Ecke Tasmaniens fahren. Am Ende haben wir das alte Schätzchen einfach wieder verkauft. Das tolle an Tasmanien ist die Vielfalt der Natur. Man kann tagelang wandern, ohne andere Menschen zu tre.en. Die mit einem milden Klima gesegnete Ostküste mit Palmen und weißen Stränden steht im totalen Gegensatz zu der ursprünglichen Wildnis mit Bergen, Flüssen und Wasserfällen im südwestlichen Teil Tasmaniens. Man muss sich nur entscheiden. Mit Campingausrüstung im Gepäck ging es am Wochenende also immer wieder auf Entdeckungsreise.

Man kann sich in Hobart viele Infos holen und entweder lange oder kurze Wanderungen unternehmen. Beim Service Tasmania (eine Art Bürgerbüro) steht in den Sommermonaten immer ein Ranger für Fragen zur Verfügung. Es gibt viele schöne Ziele und an dieser Stelle möchte ich einige davon besonders hervorheben. Der beste Reiseführer ist der "Lonely Planet Tasmania". Da ist z.B. der Cradle Mountain-Lake St. Clair National Park, eine von Gebirgszügen, Schluchten und Gletscherseen geprägte Hochgebirgsregion. Dieser Nationalpark wurde von der UNESCO zum Erbe der Menschheit erklärt und neben dem 1545 m hohen Cradle Mountain findet man hier den höchsten Berg Tasmaniens den Mount Ossa mit 1617 m. Durch das Zentrum des Nationalparks führt der 84 km lange Overland Track. Diese etwa einwöchige Wildniswanderung ist eine beliebte Touristenattraktion. Zum Wandern ist auch der Mount Field National Park zu empfehlen. Traumhafte Buchten mit kilometerlangen Sandstränden .ndet man entlang des Tasman Highway zwischen Launceston und Hobart. Unbedingt sollte man einen Abstecher zum Freycinet National Park machen. Hier habe ich eine Nacht an der wohl schönsten Bucht Tasmaniens gecampt, der Wineglass Bay. Einen Blick in die düstere Vergangenheit Tasmaniens vermittelt ein Besuch der ehemaligen Strafkolonie Port Arthur auf der Tasman Peninsula.

Auch Hobart hat viel zu bieten. Die Inselhauptstadt am Mündungsdelta des Derwent River ist umgeben von Wasser und liegt am Fuße des 1270 m hohen Mount Wellington. Sehenswert ist zum Beispiel der schöne Wochenmarkt am Salamanca Platz, das Altstadtareal vom Battery Point, viele historische Plätze, der schöne botanische Garten und der Hafen. In Hobart mit ca. 200 000 Einwohnern spürt man trotz einiger moderner Hochhäuser im Zentrum ein kleinstädtisches Flair. Man findet keine großen Einkaufszentren, aber viele schöne Cafes. Viele meiner Mitbewohner aus Asien waren etwas enttäuscht, weil nicht so viel los" war. Man " sollte also nicht mit den falschen Erwartungen dort hinfahren. Ich habe mich in Hobart sofort wohl und immer sicher gefühlt.

Fazit

Zuerst hatte mich der Kontinent auf der anderen Seite der Erdkugel angezogen wie ein unerreichbarer Traum. Jetzt ist die Zeit in Tassie eine reale Erfahrung. Ich habe viel vom Land gesehen, viel gelernt und tolle Begegnungen mit netten Menschen gehabt. Ich habe die Tassies als sehr nette, interessierte und hilfsbereite Menschen kennen gelernt. Durch den Aufenthalt in Tasmanien bin ich jetzt erst richtig neugierig geworden auf den "großen Rest" von Australien und möchte gerne irgendwann einmal das Festland bereisen. Der Traum von der anderen Seite der Erdkugel gehört nun mir und besteht dazu aus so vielen Eindrücken, Erfahrungen und Erlebnissen, die ich weiter tragen werde. Ohne die finanzielle Hilfe durch das Stipendium wäre all dies ein unerreichbarer Traum geblieben. Die Umsetzung meines Traumes wurde mir durch das Stipendium von Qantas Airways und DeAN e.V. ermöglicht, für das ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken möchte. Ich wünsche mir, dass auch in Zukunft noch vielen Studenten diese Träume ermöglicht werden, damit wir interkontinental zusammenwachsen als eine Welt ohne Grenzen.

(Karoline Enss, karolineenss@web.de)

Royal Hobart Hospital
GPO Box 252-68
Hobart, TAS 7001
Australia

WWW: http://www.dhhs.tas.gov.au/rhh/