Hochschulreform in Deutschland und Australien:

Herausforderungen für das 21.Jahrhundert

Konferenz des Australienzentrums der Universität Potsdam vom 20.22.1.1998 in Potsdam, Inga Sitzmann


Mittwoch, 21.1.1998

Hochschulreform in Deutschland:
Herausforderungen für das 21.Jahrhundert

Elke Wülfing (parl. StaSekr., BuBildungsMi):

 

Übergang von Industrie zu Wissenschaftsgesellschaft, so daß im Jahre 2000 1518% Studium für Berufsausübung benötigen werden (1990: 10 %)

Nachteile deutscher Hochschulen:

Maßnahmen:
  1. Verbesserung des Hochschulmanagements
    1. Flexibilisierung des Hochschulsystems (mehr Gestaltungsspielraum für Bundesländer, die diesen an die Hochschulen weitergeben sollen)
    2. Einführung einer Lehrevaluation
    3. Änderung der Einstellungsvoraussetzungen für Professoren
    4. Erhöhung der Anforderungen an pädagogische Fähigkeiten
    5. Habilitation nicht mehr zwingende Voraussetzung zur Senkung des Berufsalters und Verbesserung der Chancen für Frauen
  2. Einführung von Zwischenprüfungen
  3. Ausweitung der Freischußregelungen
  4. Verbesserung der Studienberatung
  5. Einführung eines Leistungspunktesystems, um die Akkumulation und den Transfer von Leistungen aus dem Ausland zu ermöglichen bzw. zu verbessern)
  6. Vergabe von Bachelor und MastersDegrees, um die Anerkennung deutscher Studienabschlüsse im Ausland zu erleichtern
  7. uniinterne Regelung des Hochschulzugangs
  8. Deregulierung innerhalb des HRG, um Verwaltung in Hochschulen zu "verschlanken"

 

Thema I: Hochschulmanagement: Haushalt und Personal


Budget and Staffing Issues
Facing Australian Universities in the 21stcentury

Prof. John Niland (ViceChancellor, UNSW):

1996/97 Einnahmen in Höhe von ca. 650 Mio AUS$ durch die Studiengebühren ausländischer Studierender (fullfeepaying)

weitere Einnahmen in Höhe von 770 Mio AUS$ durch den Kauf von australischen Waren und die Inanspruchnahme australischer Dienstleistungen durch die ausländischen Studierenden

Der Bildungssektor ist der sechstgrößte Exportbereich.

Studiengebühren für australische Studierende:

Staatliche Finanzierung:

nach dem Regierungswechsel 1996 kündigte die neue Regierung an, daß

obwohl im Vergleich zu anderen Industrieländern die Ausgaben im Hochschulbereich ohnehin eher gering waren

Finanzzuweisungen erfolgen an die Universitäten direkt, aber inzwischen wird diskutiert, ob nicht eine Zahlung an die Studierenden erfolgen sollte, die dann mit diesem Geld an der Universität ihrer Wahl studieren (voucherSystem)


Hochschulmanagement im Transformationsprozeß

Prof.Dr. HansJürgen Ewers (Präsident, TU Berlin)

Probleme und Lösungsansätze:
  1. seit 1975 gleicher Bestand an Hochschulpersonal (außer Medizin), aber Verdreifachung der Studentenzahlen
  2. Sozialdiskriminierung durch Einführung von Studiengebühren

 


Thema II: Internationale Studien und Forschungsprogramme Qualitätssicherung


Quality Assurance:
The ANU Experience

Prof. Deane Terrell (ViceChancellor, ANU)

 

Ausgangsproblematik:
  1. aus verschiedenen Indikatoren werden werden sowohl in Europa als auch Australien als am wichtigsten eingeschätzt:
  2. die Hochschulfinanzierung ist auf den Mythos ausgelegt, daß alle Universitäten die gleichen Möglichkeiten und Kapazitäten haben, allen Anforderungen auf demselben Niveau gerecht werden zu können

Im Gegensatz zu anderen australischen Unis ist die ANU in in zwei Bereiche aufgeteilt:

  1. The Institute of Advanced Studies
  2. The Faculities

Mittel der Qualitätsbewertung und sicherung in Australien:
  1. Strenge Auswahl und Beförderungskriterien für die Lehrenden
  2. Leistungsbewertung der Fakultäten und Lehrstühle durch die Kollegen (peer review)
  3. Bewertung der Unterrichtsqualität mittels Fragebögen durch die Studenten

Qualitätssicherung im Hinblick auf internationale Studierende:
  • seit 1990 Pflicht der australischen Unis, internationale Studierende nur gegen Bezahlung der vollen Gebühren zuzulassen, so daß keine der anfallenden Kosten durch staatliche Mittel getragen werden
  • trotzdem erfolgte fast eine Verdopplung der internationalen Studierendenzahlen von 1990 bis 1995 (von 28.993 auf 51.994) in Australien
  • Vorteile der internationalen Studierenden:

    Interne Qualitätssicherung an der ANU:


    Quality Assurance and Quality Improvement

    Challenges for Higher Education in the 21st Century
    An Australian Perspective

    Prof. Roman Tomasic (Chairman of the Academic Board, Uni of Canberra):


    Internationalisierung der Ausbildung
    Zwischen Wildwuchs und internationaler Akkreditierung

    Prof.Dr. Klaus Borchard (Rektor, Uni Bonn):

    AUS: Bildungs und Hochschulwesen ist Wirtschaftsfaktor, der erheblichen Anteil am BSP trägt

    BRD: erst durch die fortschreitende Globalisierung sind die deutschen Hochschulen seit kurzem der internationalen Konkurrenz ausgesetzt, aber ohne einheitliche Qualitätsstandards zu haben, die auch im Ausland anerkannt sind

    "Experimentierphase" an deutschen Unis (Schaffung von Bachelor und MasterAbschlüssen und von auslandsorientierten Studiengängen), wobei aber die Entwicklung von Qualitätsstandards durch verschiedene Institutionen der "Bildungsindustrie" (Ministerien, Hochschulrektorenkonferenz HRK) erfolgt und deshalb zu allgemein und zu wenig fachbezogen ist

    Bsp.: Kritik am "Eckwertepapier" der HRK


    Donnerstag, 22.1.1998


    Thema III: Internationales und nationales Marketing der Hochschulen


     

    From international relationships to a global presence: Monash University as a case example

    Prof. David Robinson (ViceChancellor, Monash)

    Monash (1998): 45.000 Studierende, wobei 5.500 aus dem Ausland kommen (70 verschiedene Länder)

    "Export" der Hochschulbildung durch Einrichtungen innerhalb asiatischer Universitäten (z.Zt. Singapur, Malaysia, Hong Kong, Indonesien - dort in Zusammenarbeit mit der UNSW), in denen australische Lehrbeauftragte dortigen Studierenden die Vorbereitung auf ein Studium in Australien oder insgesamt ein Fernstudium ermöglichen

    Notwendigkeit des Ausbaus von grenzübergreifenden Kooperationen von Universitäten, die aber über bloße Austauschprogramme hinausgehen müssen, um den Anforderungen an eine globale Hochschulbildung gerecht werden und damit im beginnenden Wettbewerb um Studierende auf der ganzen Welt bestehen zu können:

    Notwendigkeit einer kritischen Betrachtung des australischen Hochschulwesens sowohl im Bereich der Lehre (Aufbau und Art der Studiengänge), als auch der Verwaltung (insbes. Einrichtungen für ausländische Studierende), um etwaigen Reformbedarf feststellen zu können

  • Dr. Christian Bode (GenSekr. des DAAD):
    Die deutschen Hochschulen auf dem internationalen Bildungsmarkt
  • Austausch zwischen BRD und AUS:
  • 1997 55.000 Stipendiaten, aber nicht ausbalanciert, d.h. Zahl der Deutschen, die nach Australien gehen, ist wesentlich größer und wird wohl auch weiter zunehmen, da seit kurzem auch Stipendien an Studierende/undergrads, nicht nur Postgraduierte vergeben werden
  • Situation in BRD:

    Grund für den Attraktivitätsverlust deutscher Unis ist neben dem Sprachhindernis die nachlassende Qualität der Ausbildung

    Ziel eines Marketings auf internationaler Ebene:

    Qualitätswettbewerb, um gute Postgraduierte heranzuziehen, da für Gebührenwettbewerb kein Spielraum ist

    geplante Maßnahmen:

    National and international university management - fundamental problems and possibilities

    Prof.Dr. Christine KeitelKreidt (VizePräs, FU Berlin

    Marketing an Universitäten sieht nur die Bildung als "Ware"

  • aber
    : die Universität hat darüberhinausgehende Aufgaben (Humboldtsche Lehre: universitäre Ausbildung ist Mischung aus Bildung und Forschung)
  • statt negativ besetzten Begriff "vermarkten" zu verwenden, könnte Marketing positiv als Selbstdarstellung, Sympathiewerbung und Strukturierung der Angebote gesehen werden
  • Wer ist überhaupt der "Markt"?

    a) innerhalb der Universitäten:

    b) außerhalb der Universitäten (Wirtschaft, große Gesellschaftsgruppen):


    Universities and the market place: lessons from the Austraian experience

    Prof. Ken Eltis (Deputy ViceChancellor, Uni of Sydney):

    Veränderungen in AUS:

    Entstehung des "universitären Kapitalismus" durch Kürzung der Finanzmittel und Zunahme der Studentenzahlen

     Internationalisierung des australischen Hochschulwesens:

     


    Thema IV: Hochschulfinanzierung


    Has the revolution happened? Financing the Australian university system

    Mary O´Kane (ViceChancellor, Uni of Adelaide):

    Einnahmen der Universitäten:

    Ziel der Bildungspolititk war, ebenso wie in Deutschland, der breiten Bevölkerung eine universitäre Ausbildung zu ermöglichen, um den Wohlstand des Landes insgesamt zu steigern (1939: 14.236 Studierende, 1998: 500.000 Studierende; Bevölkerungswachstum hatte nur geringe Auswirkungen auf diese Zahlen)

    Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am BSP ist sehr hoch, insbesondere im Vergleich mit Deutschland, wobei FuE hauptsächlich an Universitäten (70% in acht Universitäten) stattfindet


    Before the revolution? German universities and the notion of public financing at the century´s end

    Prof.Dr. Wolfgang Jäger (Rektor, Freiburg)

    Hauptprobleme für eine effektive Studienreform sind jedoch die Bürokratie, die deutsche "Regelungswut" und die rechtliche Unselbständigkeit der Universitäten


    Hochschulen zwischen Finanz und Reformbedarf

    Prof.Dr. Klaus Landfried (Präsident der HRK)

     

    gegenwärtige finanzielle Lage:

    Probleme bei der Organisation und Verwaltung:

    Maßnahmen für die Zukunft:
    1. Optimierung des Mitteleinsatzes durch Einführung von Wettbewerbselementen und transparenter Kosten und Leistungsrechnung
    1. angemessene Finanzierung, um internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern (Globalisierung des Arbeitsmarktes, Wirtschaftsstandort Deutschland nur über Wissenschaftsstandort Deutschland zu sichern)


    Die Reform der Hochschulfinanzierung in Brandenburg

    Prof.Dr.Friedrich Buttler (Staatssekretär des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg)

    Ziel:

    Übertragung der Planungs, Steuerungs und Kontrollbefugnisse auf die Hochschulen

    Maßnahmen:

    1. seit 1996

    1. seit 1997:

    2. alle Hochschulen in diese flexiblere Haushaltsgestaltung aufgenommen

    3. ab 1999 (geplant):


    Podiumsdiskussion:

    Hauptstreitpunkt war die aktuelle Diskussion um die Einführung von Studiengebühren in Deutschland

     

     

    Fazit

    Sowohl in Australien als auch Deutschland besteht ein Reformbedarf, wobei Australien in seiner Entwicklung Deutschland voraus ist, insbesondere im Hinblick auf eine größere Selbständigkeit der Hochschulen, der Schaffung neuer Finanzquellen und der internationalen Ausrichtung von Forschung und Lehre. In dieser Hinsicht kann Deutschland aus den Erfolgen Australiens lernen und versuchen, dort gemachte Fehler zu vermeiden.

    Interessant war auch, daß bei den Vorträgen und Diskussionsbeiträgen der deutschen Teilnehmer der Schwerpunkt auf der Kritik am jetzigen System lag, die manchmal in eine bloße "Nörgelei" ausartete. Auf australischer Seite hingegen war der Blick verstärkt auf die Zukunftsperspektiven gerichtet, also der Frage nach Ziel und Maßnahmen einer Reform. Vielleicht zeigt sich darin auch ein Mentalitätsunterschied der beiden Nationen.

    Jedenfalls steht fest:

     

    Wer sich in einer Sackgasse befindet, findet keinen Ausweg, indem er nur auf die Mauer vor sich sieht und über deren Höhe lamentiert, statt mit dem bereitliegenden Werkzeug die Mauer einzureißen.